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Laudatio anlässlich der Verleihung des
Förderpreises der Stadt Mainz für Bildende Kunst
am 18. Dezember 2007 Dr. Sabine Kampmann (Braunschweig/Berlin) Mainz meets Hollywood. Lobrede auf einen Künstlerstar Laudatio, laudationis, femininum, konsonantische Deklination: das Lob, die Lobrede. Das ist der Grund, warum ich hier bin: zum Künstlerlob. Ich lobe einerseits sehr gerne, weil ich die Arbeit annette hollywoods seit langem schätze und mich mit der Künstlerin über den Preis der Stadt Mainz freue. Andererseits ist mir auch etwas mulmig zumute. Denn genau das, was wir hier gemeinsam tun, eine Künstlerin feiern, sie mit einem Preis und einer Lobrede auszeichnen, genau diese Prozesse der Produktion von künstlerischer Identität, von Autorschaft, untersucht annette hollywood in ihren Arbeiten. annette hollywood durchleuchtet Künstlerklischees und -stereotype und befragt dabei Massenmedien und Populärkultur ebenso wie die Kunstgeschichte und den Starkult. Die Künstlerin, die ich mit dieser Lobrede einen Schritt näher in einen imaginären Künstlerolymp befördern soll und möchte, diese Künstlerin hat uns in ihren hochironischen Arbeiten längst vorgeführt, wie das Betriebssystem Kunst funktioniert und wie wir in ihm funktionieren. Was ich damit meine, wird vielleicht am Beispiel Vincent van Goghs deutlicher. Van Gogh ist der mit dem abgeschnittenen Ohr. Dass nur ein Ohrläppchen in Mitleidenschaft gezogen wurde, weiß wiederum der informierte Kunstkenner. Aber wer hat schon einmal vor einem Selbstporträt van Goghs gestanden und sich gefragt, warum sein markantes Grübchen am Kinn nicht zu sehen ist? Mir ist das passiert und zugleich beschlich mich – als Kunsthistorikerin – ein Anflug von Peinlichkeit. Denn das Grübchen, das sich mir eingeprägt hatte, war jenes von Kirk Douglas, der in dem Biopic Lust for Life von Vincente Minelli aus dem Jahre 1956 van Gogh verkörperte – ein Film der in den 80er Jahren immer wieder im Fernsehen zu sehen war, mit mir vor dem Fernseher. Dass im 21. Jahrhundert ein Künstlerleben nicht mehr ohne den Hintergrund von Fernsehsozialisation und Massenmedien existiert, das führt uns annette hollywood beispielsweise mit ihrer Arbeit annette hollywood starring Regina Zirkowski (2002) vor Augen. Regina Zirkowski ist die Klischeekünstlerin in der daily soap Marienhof – mal leidend und zweifelnd, dann wieder schöpferisch-beschwingt, vom Kunstmarkt in ihrer Freiheit ab und an bedroht und doch immer nur einem verpflichtet: der hehren Kunst. In einer ersten Videoprojektion gibt uns annette hollywood die Szene einer Ausstellungseröffnung aus der Serie zu sehen. Diese Vernissage ist genau so unrealistisch gezeigt, wie sich klein Fritzchen die glamouröse Kunstwelt vorstellt: In hochgeschlitztem, schwarzem, pailettenbesticktem Abendkleid schreitet die Künstlerin am Arm ihres Partners in den Galerieraum. Applaus ertönt und ein Handkuss bezeugt ihr Ehrerbietung. Mittels Videotrick wird diese Szene allerdings ins eindeutig Komische transformiert. Durch Vor- und Zurückspielen, Wiederholung und Verlangsamung scheint mal der Applaus der Kellnerin zu gelten, mal scheinen sich die Besucher desinteressiert abzuwenden. In einer zweiten Videoprojektion bringt sich annette hollywood selbst ins Bild. Sie ist es, die uns die Künstlerin buchstäblich zu sehen gibt, indem sie per Fernbedienung einen Projektor anschaltet und uns ein Video mit Szenen aus der Atelierarbeit Regina Zirkowskis zeigt. Dabei benutzt sie eine äußerst raffinierte Verschachtelung von realen und gefilmten Leinwänden als Mal- und Projektionsfläche gleichermaßen. Schauen Sie sich später genau an, wie schließlich im Zoom die reale Leinwand auf der Staffelei hier im Ausstellungsraum in Mainz mit dem gefilmten Leinwand-Staffelei-Set und mit der Malfläche der Soap-Künstlerin verschmilzt. Schließlich erscheint wieder annette hollywood im Video-Bild. Sie schaltet das Video aus, legt die Fernbedienung wie eine Art zeitgenössischen Pinsel auf der Staffelei ab und trägt die Leinwand fort. Damit entfernt sie sowohl die Leinwand auf Keilrahmen, die als klassisches Zeichen künstlerischen Arbeitens gelten kann, als auch die Projektionsfläche für das Künstlerinnenkasperletheater, das uns die Serie Marienhof vorführt. Und noch eine weitere mediale Transformation kommt ins Spiel, wenn hollywood Screenshots des Marienhof-Fernsehbildes in 12 Aquarellen festhält und diese durch ebenfalls aquarellierte, den Serien-Dialogen entnommene Zwischentitel ergänzt. Damit macht sich hollywood jene künstlerische Technik zunutze, mit der auch Regina Zirkowski im Marienhof reüssiert. Die Kunsthistorikerin Verena Kuni spricht hier treffend von einer Strategie des re-enactment. Indem das Medienereignis wiederaufgeführt bzw. nachgespielt und dabei variiert wird, wird es angeeignet und verstanden, aber auch in Frage gestellt und verändert.[1] Um die Differenzen zwischen ‚echtem’ Leben und dessen medialer Aufführung, um die Grenzen zwischen filmischer und realer Wirklichkeit geht es in dem Video Snowworld (1998). Auch hier rührt annette hollywood im wortwörtlichen Sinne immer wieder an die Grenzen des Mediums Film bzw. Video, sucht den Illusionsraum zu erkunden und begibt sich schließlich selbst ins mediale Geschehen. Sie mischt sich in die Handlung zwischen Catherine Deneuve und Susan Sarandon in dem Film The Hunger (UK, 1983) ein, spricht mit ihnen und berührt die Leinwand. Doch ihre Begierde in die mediale Welt einzudringen und an der Liebesszene der beiden Leinwandstars teilzuhaben, wird immer wieder durch Fehler und Störungen des Mediums unterbrochen: im Flimmern und Rauschen bleibt annette als enttäuschter Fan ihrer Idole zurück. Erstaunlich für jemanden, die sich ansonsten mit dem Nachnamen hollywood ganz selbstbewusst als Künstlerstar positioniert. Aber schauen wir uns ihren Künstlernamen genauer an, so zeigt sich in der Wahl selbst bereits eine Brechung. Konsequent klein geschrieben hat sie sich mit „hollywood“ ein Wort als Namen gewählt, der einen Ort an der amerikanischen Westküste sowie die Traumfabrik der Film- und Starproduktion beschreibt und zum Synonym für Aufstieg, Erfolg und Glamour geworden ist. Der beibehaltene Vorname Annette klingt in Kombination damit sehr deutsch, etwas bieder und irgendwie unpassend. Anders als bei Norma Jeane Bakers Transformation zur Sexbombe Marilyn Monroe oder Jürgen Bockelmanns zum Herzensbrecher Udo Jürgens, zielt annette hollywoods Wahlidentität nicht auf ein restloses Aufgehen im Starsystem. Vielmehr ist bereits im Namen selbst jene Ambivalenz aufgehoben, die auch ihre Arbeiten prägt: zwischen dem Begehren des Fans Annette und dem performativen Anspruch ein Star, eben ‚Hollywood’ zu sein. Michel Foucaults grundlegenden Überlegungen zu diesem Thema zufolge besitzt der Autorname eine „klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl von Texten [bzw. Werken, S.K.] gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen“[2]. Mit anderen Worten: Der Künstlername hält das Werk zusammen und sorgt dafür einen bestimmten (künstlerischen) Diskurs zu formieren. Doch diese Diskursformation wird noch komplizierter, wenn der Künstlername in annette hollywoods Welt wiederum Teil des materiellen Werkes wird. Bereits vor einigen Jahren hat sie sich in New York einen goldenen Ring anfertigen lassen, der plastisch und in hollywood-Hausschrift, den eigenen Namen wiedergibt. Das Schmuckstück ist damit zugleich eine skulpturale Signatur der Künstlerin. In seiner formalen Gestaltung verweist der Ring auf eine weitere Quelle aus der Populärkultur aus der annette hollywood schöpft. Es ist die Welt der Rapper, Sprayer und Hip Hopper, in der sich so genannte „Namerings“, also mit dem eigenen Namen verzierte Ringe, schon seit langem durchgesetzt haben. In dieser Community spielt die Erfindung neuer Identitäten eine ganz entscheidende Rolle: Man gibt sich in der Gruppe einen neuen, oft witzigen Namen und entwirft einen eigenen Schriftzug, einen unverwechselbaren Style, der die eigene Individualität und Authentizität bezeugen soll. Ob als ‚tag’ der Graffitti-Sprayer im Sinne einer schriftlichen Duftmarke zur Reviermarkierung im Stadtraum oder als massiver Goldring, den so genannte ‚Gangsta-Rapper’ à la 50 Cent tragen: Der Name wird dabei wie eine Künstlersignatur inszeniert. Folgerichtig bezeichnen sich die Hopper und Writer auch gerne als ‚Artists’. Sie können dabei übrigens an eine lange Tradition der Kunstgeschichte anknüpfen, die den Künstler als einen Außenseiter der Gesellschaft begreift. Ganz ähnlich wie der Künstler als Außenseiter der Gesellschaft situieren sich auch diese ‚Artists’ in einem neuen Raum der Selbsterfindung, der eine soziale Durchlässigkeit verspricht, nämlich den Aufstieg vom Ghettokind zum Superstar der Pop-Kultur. annette hollywood bezieht sich nicht nur mit ihrem eigenen Künstlerring auf diesen Kontext, sondern auch mit der Zeichnungs-Serie der Artists’ Namerings (2007), in denen sie vermeintlich neue Ring-Modelle für ihre Künstlerkollegen entwirft. Wir begegnen in den Skizzen etwa Markus Rüpeltz alias Markus Lüpertz, der als selbsterklärtes Düsseldorfer Malergenie gerne mal den Mund zu voll nimmt, Jonathan Keese alias Meese, dessen Werk trotz Medienhype von kritischen Zeitgenossen immer wieder qualitativ in Zweifel gezogen wird oder Vanessa Nocraft alias Beecroft, über deren künstlerische Tiefe schon mancher Feuilleton-Artikel sinnierte. Diese auf den ersten Blick etwas ‚platt’ wirkenden Sprachspiele und mit naivem Strich skizzierten Zeichnungen greifen die ebenfalls aus der Hip Hop-Welt bekannte Tradition des ‚Dizzens’ auf. Gemeint ist damit ein öffentliches Beschimpfen und Beleidigen von Konkurrenten, die einen anderen Stil vertreten bzw. einer anderen ‚Gang’ oder ‚Crew’ angehören. Was annette hollywood mit ihren künstlerischen Adaptionen solcher subkultureller Praktiken geschaffen hat, ist eine postmoderne Allegorie auf die Funktionsweisen des zeitgenössischen Kunstsystems: Es geht darum, sich zu positionieren und abzugrenzen, die eigene Innovation durch Überwindung der als überholt deklarierten Vorgänger zu behaupten – ein altbekanntes Phänomen der Avantgarden. Neben den deutlich zitierten Rapper-Codes des 21. Jahrhunderts steht hollywood auch in der weit älteren kunsthistorischen Tradition des in der Künstlerbiographik immer wieder zu entdeckenden Künstlerwettstreits. Von den Anekdoten, die Plinius der Ältere über die antiken Maler Zeuxis, Apelles und Parrhasios berichtet, reichen die Erzählungen über Giorgio Vasaris Berichte bis ins 19. Jahrhundert, wo etwa von einem malerischen Duell zwischen Courbet und Corot vor einem Kastanienwäldchen erzählt wird.[3] Corot gewinnt hier übrigens, weil er, anders als der naturgetreu malende Courbet, zwei kleine tanzende Nymphen erfindet. Der Wettbewerb dient, damals wie heute, einer Versicherung der eigenen Position und Rolle innerhalb der Künstler-Genealogie: Wo innerhalb der Ahnenfolge einer imaginären Weltkunstgeschichte stehe ich? Welches sind meine Widersacher, wen habe ich überflügelt? Aber auch: Wer sind meine Vorbilder? Der Wettstreit mit Konkurrenten geht schon immer mit der Verehrung von Vorbildern Hand in Hand. Allerdings wird ein übertriebenes Künstlerlob, eine blinde Panegyrik, schon seit längerem in Zweifel gezogen. Der französische Maler Édouard Manet soll hier als Pate einer bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts formulierten Kritik dienen: „Ein amerikanisches Magazin wollte drei Jahrhunderte nach Raffaels und Michelangelos Tod die Frage klären, welcher von den beiden, Raffael oder Michelangelo, im Urteil der Zeitgenossen der größere sei. Die Redaktion richtete ein Rundschreiben an namhafte Künstler, so auch an Édouard Manet in Paris. Manet warf den Brief in den Papierkorb, aber das Magazin ließ nicht locker. Nach drei Wochen erhielt Manet ein Telegramm aus New York: ‚Erbitten nochmals Ihr Urteil Stopp wer ist größer Raffael oder Michelangelo Stopp ein Wort genügt.’ Manet telegraphierte zurück: ‚Ja.’[4] annette hollywoods Arbeiten aus der Serie Hollywoodstars sollten in einer eben solchen ironischen Weise angesehen werden. Auf den ersten Blick präsentiert sie uns klassische Leinwandgemälde mit Titeln wie Ad Reinhardt, Madonna, Malewitsch oder Dan Graham. Das Glitzern der Bildoberfläche legt eine positive Wertung der Künstlerkolleginnen und -kollegen nahe und lässt so ein klassisches Künstlerlob vermuten, mit dem annette hollywood ihre persönlichen Vorbilder wie funkelnde Sterne in Szene setzt – hollywoods Stars eben. Schauen wir uns die Bilder näher an, so sind in diesen Hommagen allerdings keine figurativen Hinweise auf die jeweils im Titel bezeichnete Person zu entdecken, ebenso wenig wie eine persönliche Handschrift der Künstlerin. Auf Basis einer ‚geheimen Rezeptur’ hat sie auf den Leinwänden Kristalle als abstrakte Fläche wachsen lassen. Damit leistet sie eine Art Geburtshilfe. Als Künstler-Alchimistin lässt sie ‚ihre’ Stars wachsen und nimmt dabei – wie immer hochironisch – die Rolle einer Künstler-Demiurgin ein, eines divino artista und Schöpfergotts. Die preisgekrönten Arbeiten in dieser Ausstellung kreisen also sämtlich um annette hollywood selbst. Allerdings haben wir es hier keineswegs mit einer narzisstischen Selbstbefragung des autonomen Künstlersubjekts zu tun, sondern mit einer Selbstanalyse unter den Bedingungen der Postmoderne: Es ist eine Art Vivisektion des eigenen Künstlerklischees, wie es unter Bedingungen der Massenmedien, unter Einfluss der Popkultur, des Startums und als kunsthistorisches Phänomen entsteht. annette hollywood arbeitet an und mit dem ‚echten’ ebenso wie dem ‚medial-fiktiven’ Künstlerleben und wir alle zusammen mit ihr: Laudatio, laudationis, femininum, Konsonantische – das Lob, die Lobrede. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit. [1] Verena Kuni: absolute hollywood. from a to y and back again, in: absolut annette hollywood, hg. v. annette hollywood und Goldrausch Künstlerinnenprojekt, Berlin 2005, o. S. [2] Michel Foucault: Was ist ein Autor?, in: Texte zur Theorie der Autorschaft, hg. v. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko, Stuttgart 2000, S. 210. (frz. Qu’est-ce qu’un auteur?, 1969). [3] Eva-Bettina Krems: Der Fleck auf der Venus. 500 Künstleranekdoten von Apelles bis Picasso. München 2003, S. 102-106. [4] Ebd., S. 113. |
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